… Anfänger

bin ich versucht meinen Artikel zu benennen, aber es wird doch etwas anderes.

Wir reisen in Begleitung eines Cubaners der Havanos S.A. Ein jüngerer Mann in Holland für einige Zeit lebend und zuständig für den Verkauf der cubanischen Tabake in Europa. In der europäischen Cigarrenindustrie wird nach wie vor viel Havanatabak verarbeitet. Eine gute Cigarre kann nicht ohne Havana leben. Wir unterhalten uns während des 10 stündigen Fluges sehr angeregt über Gott und die Welt, ich bekomme einen ersten Eindruck. Angekommen, werden wir am Flughafen bereits erwartet. Ein Fahrer mit einem Mercedes Kleinbus steht bereit und nachdem für uns drei die Zollkontrollen erledigt sind, geht es Richtung Havana. Ca. 1 1/2 Stunden Fahrt. Cuba kenne ich bisher nur aus den einschlägigen Cigarrenzeitungen und sehr bewußt hatte ich vermieden, meine Begleiter vorweg nach näheren Details zu fragen. Cuba für Neugierige würde sicher besser passen, aber es wird sich zeigen. In Havana angekommen fahren wir durch Teile der Stadt. Alles macht einen Eindruck auf mich der schwierig zu beschreiben ist.

Es liegt nicht wie in anderen karibischen Großstädten überall Müll herum und es schwelt nicht an allen Ecken und Enden etwas Übelriechendes herum. Der Verkehr ist sehr viel lebhafter als man denkt, schließlich habe ich nicht viel Gutes über die Wirtschaftslage gehört. Prachtvolle Gebäude säumen die Straßen und würde nicht vielfach der Verputz herabstürzen, wähnte man sich in der Metropole der Reichen und Schönen mit neoklassizistischen Bauwerken teils im Kolonialstil. Üppige Villen mit traumhaften Gartenanlagen, atmen sie nicht die Dekadenz des ausgehenden 2ten Jahrtausends ? Viele Gebäude haben aber die besten Zeiten erlebt, Zeitzeugen einer längst vergangenen Epoche. Gerüste hier und dort, vielleicht ein neuer Aufbruch unmittelbar fällt mir Salvador Bahia ein, bei meinem ersten Besuch dort vor ca.15 Jahren. Der Verfall dort lähmte jede Entwicklung, Lethargie strahlte jede noch so kleine Gasse aus und heute ist der Pellerinho, wie die restaurierte Altstadt heißt, angefüllt mit pulsierendem Leben einer neuen - alten Zeit.

Auch mit neuen Menschen ?

Um ca. 17:00 erreichen wir ein kleineres Hotel, freundliche Begrüßung und eine Atmosphäre, wie man sie sich nicht schöner wünchen kann. Ein großzügiges Zimmer, auch das übertrifft die Erwartungen. Ruhepause, Dusche und für 20:00 die Verabredung zum Dinner. Ich muß gestehen, ich hatte mich auf weit einfachere Verhältnisse eingestellt. Ein Business Hotel, Chateau Miramar. 20:00 Uhr in der Hotellobby, zwei der Leute mit denen ich verabredet bin und zwei weitere, die ich nicht einordnen kann. Der eine, der freundlich den Begrüßungsdrink spendiert, ist Handelsattachée eines europäischen Landes, der für gewöhnlich in Mexico lebt und mit einer besonderen Aufgabe auf Cuba weilt. Scherzhaft sagt er, daß er eigentlich auch nicht so recht weiß, was er hier soll, denn seine landwirtschaftliche Aufgabe scheint nicht gut voran zu kommen. Der andere, ein kleiner Mann mit einer Sammy- Davis- Junior- Nase und Narbe am Ohr, ist wie ich später höre, seit Monaten kurz vor Cuba und macht Geschäfte. Was, weiß eigentlich auch so recht keiner und kurz vor Cuba heißt: er liegt mit einer 42 m Yacht am Kai und hat sein Büro dort. Offshore. Seine Besucher empfängt er bei schöne Wetter auf dem Kai. Small Talk und Aufbruch zum Dinner. Club Havana, "for members only". Offenbar ein Treffpunkt für allerlei diplomatisches. Die gediegene Atmosphäre einer amerikanischen Südstaatenvilla mit geschwungener zweiläufiger Marmortreppe, eine perfekte Kulisse für die nächste Seifenoper im Fernsehen. Diese Gruppe dort um den Botschafter von Peru, dort eine Gruppe um eine junge Dame aus Belize, dieser Herr dort drüben aus Equador hat schon einmal eine 45 minütige Rede des Commandante Castro verursacht, weil er auf einer wohltätigen Versteigerung von erlesenen Cigarren aus dem Privatbesitz des Präsidenten mit einer mißverständlichen Einleitung nicht die richtigen Worte fand. Klassische Musik, die etwas mühselig von 4 Musikern intoniert wird begleitete den formidablen Rahmen. Ein hervorragendes Essen und ein frustrierter Jungkellner, der wahrscheinlich noch heute übt, Bier richtig aus der Flasche in ein Glas zu befördern. Lustiger wird es als die Musik wechselt, mexikanische Volkmusik belebt ganz offenbar die Anwesenden.

Am nächsten Tag brechen wir um 8:30 auf. Ein freundlicher älterer Herr begleitet uns, er ist der Tabakspezialist, 73 Jahre alt ein drahtiger weißhariger Mann mit verschmitztem Gesicht und herzlicher Ausstrahlung. Wir fahren zum zentralen Lagerhaus der Havana - Tabaco. Schließlich möchte ich Tabak kennenlernen und probieren. Wir betreten eine riesige Halle mit Tabakballen, den sog. Seronen, soweit das Auge reicht. Man entschuldigt sich, daß kaum Tabak vorhanden sei, denn bedingt durch das Wetter ist in der aktuellen Ernte alles etwas später. Ungläubig stelle ich mir vor, was wohl anzutreffen wäre, läge man gut in der Zeit. Ballen werden geöffnet und in Augenschein genommen. Kleine einfache Cigarren zum Probieren daraus geformt. Remedios, Vuelt Abajo in den verschiedenen Graden, Volado, Centro usw. Teilweise ist der Tabak noch sehr feucht und macht dadurch noch eine Nachfermentation im Ballen durch, die erst zur Reife führt, wenn wir vielleicht etwa 1/2 Jahre weiter sein werden. Der Tabak hat noch Wachs und kann sich gut weiterentwickeln und ist nach Bekunden des " alten Hasen " dieses mal so gut, daß er sich hervorragend zeigen würde, hätte man die Möglichkeit ihn für mehrere Jahre zu altern. Er ist begeistert als ich Ihm sage, daß unser Tabaklager zum Teil 4 Jahre Reichweite hat.


Die letzte Tabakprobe für diesen Tag finde ich entsetzlich und dieser spezielle Typ schafft mich. Er ist extrem stark aber in der Blume nichtssagend und flach. Wir beenden unseren Aufenthalt dort und ich bin froh, für ein Lunch im Restaurant zu sitzen und Mineralwasser zu genießen. Nach dem Essen, steht der Besuch der berühmten Partgas Fabrik auf dem Plan. Direkt auf der Rückseite des Capitol gelegen die wohl berühmteste Fabrik in Havana. Ein eindrucksvolles Gebäude aus dem vorletzten Jahrhundert. Üppige Eingangshalle mit Marmorböden und Lichtschacht aus der 4. Etage, farbig gestaltet und den Wohlstand einst sehr erfolgreicher Kaufmannschft ausstrahlend. Es herrscht geschäftiges Treiben, links und rechts der Eingangshalle Büros und vorn das berühmte Casa del Habanos. Danach ein Tisch mit Aufpassern, denn Ströme von Touristen drängen an den Eingang, natürlich muß das in geregelte Bahnen gelenkt werden, wie sollten denn sonst noch die berühmten Marken in der geübten Sorgfalt entstehen. Cohiba, Monte Christo, La Robaina, um nur einige zu nennen, die ich dort in der Produktion sehen kann. Wir bekommen Einlaß und da keiner der Führer so rechte Lust hat, dürfen wir mit Salinas auf eigene Faust durch die heiligen Hallen wandeln. Fast jeder dort kennt ihn. Endlich bekomme ich auch die berühmteste Frau der Fabrik zu sehen, nämlich die, die morgens eine ungeheure Tabakrolle anfertigt, ich wage nicht, dieses Gebilde als Cigarre zu bezeichnen, und offenbar dann den ganzen Tag darauf herumlutscht. Jeder Interessierte hat gewiss schon ein Foto davon gesehen. Sie ist in der Vorbereitung der Blends, wo genau verwogene Bündel von Tabak zusammengestellt werden, die später zu den Arbeitsplätzen gegeben werden. Dies dient der Kontrolle, damit die Cigarren gleichmäßige Mengen der einzelnen Komponenten beinhalten und die Cigarrenmacher anhand der vorgegebenen Menge eine gleichbleibende Anzahl Cigarren herstellen. Ansonsten wird gearbeitet wie vor 100 Jahren und damit gerade so, wie man solche Cigarren auch noch in 100 Jahren wird herstellen müssen. Natürlich birgt die Produktion keine Überraschungen, denn da ich selbst schon viele Fabriken gesehen habe und Cigarrenmachen von Kindheit an kenne, sieht man alles ein wenig profaner. Die Schule der Cigarrenmacher sehen wir, die die ersten bereits nach etwa 4 Monaten verlassen können, um in der regulären Fabrikation zu arbeiten, natürlich nur die, mit feinem Fingerspitzengefühl. Auch hier hört man von den sehr unterschiedlichen Fertigkeiten der einzelnen Leute, warum sollte es daselbst anders sein, als z.B. früher bei uns in der Fabrikation. Wir durchlaufen die verschiedenen Abteilungen bis zur Sortierung und Konfektionierung. Ich höre, daß die Sortierer mit die wichtigsten Leute sind, und man glaubt mir kaum als ich erzähle, daß auch bei uns die Sortierer immer die bestbezahlten Leute waren. Viele Dinge entdecke ich wieder, die auch in Europa noch bei gepflegten Cigarren nicht anders gemacht werden. Wie klein ist die Welt und doch, wie anders ist es hier. Der Tabak macht den Unterschied und die Menschen.

Abends sind wir wieder verabredet ein Dinner in einer typisch cubanischen Hähnchenbraterei. Wir sitzen unter großen Dächern aus Palmblättern und es ist unglaublich voll. Ein reges Kommen und Gehen immer neue Gruppen und Pärchen kommen herein, aufgebrezelt wie nur möglich, junge Leute meist, und die Mädchen oft üppig geschminkt, ihre Weiblichkeit aufreizend verpackt. Man erklärt uns, auf der gegenüberliegenden Straßenseite sei eine Art Modenschau. Unser " Altherrenclub " geizt gewiß nicht mit dummen Sprüchen dazu. Ein lustiger Abend aber nicht nur deshalb. Stellen Sie sich nur vor: ein schmackhaftes Essen, danach ein Dessert, Kaffee dazu ein Glas alten Rums nebst der Havanacigarre - wie Gott auf Cuba.

Für den nächsten Morgen ist eine Fahrt nach Pinar del Rio geplant, Start 7:30. Lagerhaus mit Exporttabak, Tabakfelder und Trockenschuppen. Besuch bei dem berühmtesten und besten Tabakpflanzer Senor Robaina steht ebenfalls auf dem Programm. Wir sitzen in dem Kleinbus, welcher uns bereits vom Flughaven abholte und fahren pünktlich los. Mit uns kommt außer Senor Salinas ein zweiter alter Herr, ein ebenso freundlicher wie impulsiver Charakter, er ist von der "alten Schule" weiß alles über Tabak auf Cuba wird auch mir ein wichtiger Lehrer sein. Er ist zuständig für Tabak auf Cuba, was sich so einfach anhört läßt sich, wie ich später noch erfahre, allenfalls mit der Position des Papstes vergleichen.


Die Fahrt ist etwa 160 km, auf einer gut ausgebauten teilweise sechsspurigen autobahnähnlichen Straße. In Pinar Del Rio angekommen, holen wir zuerst zwei offizielle Vertreter des Landwirtschaftsministeriums von der örtlichen Niederlassung ab, die uns während der ganzen Rundreise begleiten. Vorbei geht es nicht endenden Tabakfeldern, die teilweise natürlich in Sonne und Wind wachsenden Tabak enthalten, teilweise sind Tücher an den Seiten der Felder aufgespannt, diese enthalten Vega Fina. Die Tücher dienen dazu, den Wind abzumildern und damit ein dünneres Blattwachstum zu erreichen. Schließlich sind große Teile der Flächen unter Tuchbespannung dort wachsen die Deckblätter, die durch die leichte Beschattung größer und hellblattiger werden.

Die Zeit ist gerade jetzt richtig, denn von frischen Auspflanzungen bis zu teilweise abgeernteten Pflanzen ( Centro A = unteres Mittelgut ) ist alles zu sehen.Wunderschöne Pflanzen, die in Reih und Glied vital, gesund und ebenmäßig gewachsen, dortstehen und eine gute Ernte versprechen. Zuerst fahren wir zu einem Lagerhaus, wo ebenfalls Exporttabak lagert. Alles ist vorbereitet, d.h., es liegen Ballen bereit mit den verschiedenen Tabaken, die zur Zeit dort für den Verkauf vorhanden sind. Nun beginnnt die Zeit der Prüfung und der Erklärung. Erstmalig, so muß ich gestehen, gelingt es mir, ein systematisches Bild von den Ballencodierungen mit den darin befindlichen Materialien zu machen. Etliche Ballen werden geöffnet und das Material wird erklärt und natürlich probiert. Zwischendurch immer wieder Gespräche mit den dort zuständigen Leuten und mit den offiziellen Vertretern des Ministeriums. Ich stelle mich ihnen vor, erkläre was ich mache und bin, woher ich komme und natürlich verteile ich auch von meinen eigenen Cigarren, die ich mit - brachte. Zwischendurch wieder Erklärungen, ich kann kaum so schnell notieren, wie die Informationen auf mich niedergehen, schließlich will ich ebenfalls meine Beurteilung der verschiedenen Tabakqualitäten zu Papier bringen. Dank meines geduldigen neuen Lehrers gelingt es mir schließlich einigermaßen, den Durchblick zu behalten. Zwischendurch wird viel gelacht und lebhaft diskutiert, leider verstehe ich nichts, Spanisch ist nicht gerade meine starke Seite. Meine Cigarren werden natürlich gründlich geprüft und geraucht. Schließlich ernte ich ein großes Lob, der Cigarrenpabst bescheinigt mir, ich verstünde es, ein Blend für Cigarren zu machen. Können Sie sich vorstellen, was dies für mich bedeutet?. Man reist in aller Harmlosigkeit zum ersten mal nach Cuba und ist für dortige ein Nobody . Man wird beobachtet und letztlich geprüft, man hat die außergewöhnliche Chance diese beiden alten Cigarren - und Tabakspezialisten kennenzulernen und erntet ein schönes Lob. Ich wachse um 10 cm.

Vom Lagerhaus geht es querbeet über holprige, ausgewaschene Sandwege zur Farm und den Trockenschuppen von Senor Robaina. Er ist der berühmteste Tabakpflanzer auf Cuba. Er baut im wesentlichen Deckblätter an. Robaina wirklich ist der große alte Mann des Cubanischen Tabakanbaus, der Inbegriff von Erfahrung und Qualität. Er ist, wie man mir sagt, 82 Jahre alt und sein Sonnengegerbtes, zerfurchtes Gesicht strahlt eine Freundlichkeit und Weisheit aus, die einem Respekt abnötigt. Wir betreten den Trockenschupppen der gefüllt ist mit Tabak, welcher höchstens in der zweiten Woche dort hängt. Blätter von seidiger Schönheit in einer Gleichmäßigkeit, wie sie nur selten erreicht wird. Die Summe eines erfahrenen Tabaklebens führt zu erstaunlichen Resultaten. Er erzählt z.B., daß etwa 75 % seines Tabaks wirklich Deckblatt ist, außerdem, daß er seine Leute im Feld so gut geschult hat und nicht mehr als 1 % Verlust durch beschädigte Blätter zu beklagen ist. Im Gegensatz dazu stehen z.B. etwa 40 % Beschädigung in so mancher rein staatlicher Plantage. Man sagt mir, daß etwa 50 % des Tabakanbaus heute privatwirtschaftlich organisiert ist.

Vom Besuch dort fahren wir weiter, speziell auf meinen Wunsch fahren wir nach San Luis. Dort hatten meine Freunde aus Honduras früher ihren

Familienbesitz, eine Finca, wo überwiegend ebenfalls Deckblatt gezogen wurde. Wir fahren in eine Region, wo eigentlich niemand mit dem alten Namen etwas anfangen kann, denn die überwiegend jungen Leute, die wir dort treffen, haben keine Erinnerung. Schließlich treffen wir einen der älteren, welcher uns in eine bestimmte Richtung weist. Wir erreichen ein inmitten von Tabakfeldern gelegenes Haus. Dies soll es sein.


Ich mache Fotos und werde sie nach Honduras geben, mal sehen, ob es richtig war. Um ca. 14:30 steuern wir ein kleines Restaurant in Pinar del Rio an. Es wird erklärt, daß es sich um eines der wenigen Privaten handelt, die aber lediglich 12 Plätze haben, viel Steuern bezahlen müssen und bestimmte Gerichte nicht im Angebot haben dürfen. Da wir acht Personen sind haben wir zu warten, bis genügend Plätze frei sind. In der Zwischenzeit nehmen wir Platz im, ich würde sagen, Wohnzimmer der Familie. Unser Tabakpabst zieht einen Plastikbeutel hervor und stellt ersteinmal eine Flasche Rum auf den Tisch. Ich reiche meine Cigarren herum und zu dem Rum gibt es Getränke, die bestellt werden können, frischer Orangensaft schmeckt hervorragend dazu. Bis wir am Tisch platznehmen können werden wir immer lauter und lustiger die Cigarren werden wieder kritisch betrachtet und geraucht und es werden zwischendurch kleine chipsähnliche Spezereien gereicht. Schließlich beginnt ein zünftges cubanisches Essen. Große Teller mit Salat werden als erstes gereicht und man bedient sich mit den Händen oder mit der Gabel direkt von Salatteller, ein Essen unter Freunden. Nach dem Essen werden natürlich wieder Cigarren gereicht, blind Taste. Eine Trinidad, zwar zweite Wahl aber immerhin etwas ganz besonderes. Der Zweite der beiden älteren Herren reicht sie mir mit besonderem Zeremoniell.

Kritisch prüfe ich die Konsistenz und den Geruch, das Deckblatt etwas fleckig, eine Fehlfarbe, daher die zweite Wahl. Schon kurz nach dem Anzünden werde ich nach meinem Urteil gefragt. Ehrlich, wie ich nun mal bin, sage ich die sei zwar sehr gut aber die Cigarre, die ich am Morgen von Salinas bekam, habe mir besser geschmeckt. Der Übersetzer meinte allerdings, gerade das könne er so nicht weitergeben. Nach zweieinhalb Centimetern Cigarrenlänge werde ich erneut gefragt und ich muß meine Meinung etwas einschränken, denn die Cigarre entwickelt nach und nach ein immer besseres Aroma. So sage ich, daß diese schon recht ordentlich sei aber frisch und gewiss durch weitere Lagerung in einer Cedernholzkiste ausgezeichnet würde, aber dennoch bliebe ich dabei, daß die Cigarre vom Vormittag mir besser geschmeckt habe. "Oh dieser Teufel" kommt postwendend die Antwort, " er kommt überall hin, kennt jeden und sucht sich überall etwas vom allerbesten Tabak. Daraus läßt er sich dann Cigarren rollen. Das ist Verboten," setzt er noch mit scherzhaftem Augenzwinkern dazu. Zwar ist eine weitere Zusammenkunft mit dem Tabakspezialisten nicht geplant, aber er sagt schließlich zu mir, daß er mich vor meiner Abreise wiedersehen wolle, dann bekomme ich von ihm eine Kiste Cigarren. Als wir das Restaurant verlassen ereignet sich eine lustige Szene. Ein junger Mann tritt ans Auto und nimmt der Mund etwas voll. Er wisse alles über Cigarren und könne schon am Geruch sagen woher diese stammen und am Deckblatt könne er sehen, ob es solches von Robaina sei. Nun Explodiert unser Tabakpapst förmlich. Er redet in einer beachtlichen Lautstärke auf den armen Jüngling ein. Er habe schließlich seit 54 Jahren Tabakerfahrung und kenne jeden Winkel und jedes Tabakfeld im Lande, Er wisse alle Einzelheiten und müsse sich von so einer Rotznase nichts über Tabak sagen lassen und dergl. mehr. Der arme Bursche wird immer kleiner und hält uns schon etwas verschüchtert die Wagentür auf. Die impulsiven Tiraden gehen selbst aus dem Wageninnern noch weiter und als der Fahrer zur Abfahrt bereit ist, kommt noch eine letzte Frage des Delinquenten, wer sein Gegenüber denn sei. "Ich bin Adalberto Mesa Borrel" Dies ist augenscheinlich der Schock seines Lebens, man sieht wie er um Worte ringt und am liebsten mit hochrotem Kopf im Erdboden versinken würde. Die großen alten Herren der cubanischen Cigarre, eindrucksvolle Persönlichkeiten.

Am Abend sind wir in einem kleinen Privatrestaurant und essen wieder typisch cubanisch, wir sind die einzigen Gäste dort und werden wirklich verwöhnt. Nach dem langen und vorzüglichen Mahl sitzen wir noch lange bei spanischem Rotwein und Cigarre. Wir machen unsere Witze über gemeinsame Bekannte aus der Welt des Tabaks und genießen die Zeit. Für den nächsten Tag ist vormittags ein Besuch im Lagerhaus I in Havana angesagt, wo wiederum verschiedene Tabaksorten zur Prüfung bereitstehen. "The same procedure as everytime." Zwei Sorten erscheinen mir besonders interessant, die vermerke ich mir in den Notizen besonders, letztlich werde ich ein Angebot über Preis und verfügbarer Menge bekommen.

Zur Tischzeit treffen wir uns mit einem Ehepaar aus Canada und einem weiteren aus England in Hemmingways Mojito Bar deren Wände von tausenden von Namenszügen geziert sind und in Vitrinen Bilder aller erdenklicher Berühmtheiten von Hemmingway über Errol Flyn bis Salvador Allende zu sehen sind. Ein legendärer Platz. Nach dem Lunch ist eine Besichtigungstour mit Fremdenführer vorgesehen, die uns in verschiedene wirklich sehenswerte Teile der historischen Stadt führt. Abends ist der Besuch der großen Tropicana Show vorgesehen. Wir kommen etwa gegen halb neun in das zugehörige Restaurant begleitet von einer jungen Holländerin, die in der belgischen Botschaft arbeitet, sie spricht fließend Deutsch und ich bin eigentlich ganz froh, einige Darstellungen cubanischen Lebens in meiner Sprache hören zu können. Im Restaurant gibt es Musik, eine Frau am Klavier. Leute sitzen schweigend an den Tischen und Jan fragt entgeistert den Kellner ob jemand gestorben sei. Der Kellner erhält einige Instruktionen, die ich leider nicht verstehe, die aber für breites Gelächter im Kreise führen. Kurze Zeit später kommt die Pianistin an unseren Tisch und es wird Musik bestellt. Ich höre, daß der Kellner dafür sorgen soll, daß die Frau genügend zu Trinken habe, vielleicht würde sie dann lebhafter. Das scheint schnell zu wirken, denn nun haut sie in die Tasten und müht sich redlich, bloß leider wird ihr Potpouri immer merkwürdiger und die Töne immer falscher. Drei Gerichte stehen zur Auswahl Fisch, Fleisch oder Geflügel. Wie sich zeigt, in Touristenqualität, selbst der Wein ist nicht gerade berühmt. Solchermaßen eingestimmt betreten wir die Show, die gegen 10:00 beginnt. Eine gewaltige Kulisse mit endlosen Tischreihen unter riesigen alten Bäumen mit mehreren Nebenbühnen und kollossaler Beleuchtungstechnik. Von überallher strömen die Darstellerinnen und Darsteller der Tanz - und Akrobatikdarbietungen auf die Haupt- und die Nebenbühnen die in gleißendes Licht getaucht sind und die prachtvollen Kostüme der karibischen Schönheiten erstrahlen lassen. Laute Musik und noch lauterer Gesang begleiten die ganze Szenerie. Man strömt auf der Bühne hin und her, sichtlich bemüht kein Fleckchen des Bodens unberührt zu lassen. Man schwebt Treppen herab und herauf man wechselt die Maskerade von Zeit zu Zeit, die Akrobatentruppe hätte mit ihrem martialischen Aussehen gewiss in jeden Asterixfilm gepaßt, aber ich finde deren Darbietung noch am besten. Langsam beginne ich mich nach der Pause zu sehnen, die machen aber gar keine; ich trinke einen Daiquiri, der schnell von eiligen Kellnern herbeigetragen wird, und noch einen. Die Organisation klappt perfekt. Eine Unterhaltung ist bei diesem Krach nicht möglich, man kann allenfalls Wortfetzen hin- und herüberbrüllen. Plötzlich beginnt sich die Bühne zu füllen, mit allem was Beine hat es bricht gerdezu ein Sturm über uns herein, die Bühnen überfüllt und in den Gängen zwischen den Tischen tanzen Akteure, die zudem noch Leute aus dem benachbarten Publikum von den Sitzen reißen. Ein nettes Foto fürs Familienalbum. Als schließlich das Brausen und Wogen ausklingt bin ich froh, ich fühle mich leicht schwerhörig und denke so bei mir, daß man für derlei Kurzweil wohl geboren sein muß. Eindrucksvoll ist es und es gehört einfach dazu.


Der nächste Termin ist für 10:30 des nächsten Tages bestimmt, so daß ich alle Zeit habe mich auszuruhen und einige Zeilen zu Papier zu bringen. Kurze Besprechung morgens, für mich ist das Tabakangebot schon ausgearbeitet worden. Die Offerte ist gut und die Preise sind fair, so daß ich noch eben anhand der Ausarbeitung die Muster festlegen kann, die ich gern in die Firma bekommen möchte. Der Termin bei der Havano S.A. ist zustande gekommen und es ist mir eine Ehre, dort empfangen zu werden. Schließlich hat man alle Hände voll zu tun, das Havana 2000 Ereignis vorzubereiten, welches in der nächsten Woche dort begangen wird. Über 2000 Gäste werden erwartet und alles muß perfekt sein, damit die sehr prominenten Gäste eine rundherum gelungene Angelegenheit vorfinden könnnen. Es ist schließlich der Höhepunkt in diesem Cigarrenjahr, weltweit. Die Gespräche dauern doch etwas länger als ursprünglich vorgesehen, eine Cigarrenlänge Monte Christo. Wir Fachsimpeln, und diskutieren die verschiedenen Aspekte der faszinierenden Cigarrenwelt; Einschätzungen der aktuellen Situation und zukünftiger Erwartungen im Markt. Themen also, die uns alle betreffen ob klein ob groß. Abends ist noch ein Treffen mit einem weiteren Tabakspezialisten angestetzt, der mir wichtige, interessante und lehrreiche Dinge aus der Historie und aus dem Anbau erzählt, mehr jedoch über seinen Zeit in Vietnam, nach dem Abzug der Amerikaner und dem Sieg der Vietkong Für Samstag gibt es eine letzte Besichtigung im Tabakanbau mit vielen Details zur Systematik, die Pflanz- und Erntezyklen direkt in und um eine neue Pflanzung. Sonntag heißt es dann Abschied nehmen, der lange Rückflug schreckt mich ein bischen, aber wieviele Flüge habe ich schon zuvor in Kauf genommen, beflügelt von immer neuen Erfahrungen in Sachen Cigarre. Diese Cubareise ist meine erste. Die Informationen prasseln nur so auf mich ein. Eine Vielzahl von wunderbaren Menschen habe ich neu kennenlernen dürfen und die schöne Gastfreundschaft in Anspruch genommen.

Die Legende Cuba lebt und die stolze Tradition des Tabaks findet die Bewunderung zurecht.

Auf Wiedersehen Cuba, hoffentlich auf bald.

Ph. Schuster