oder
ich bastele mir eine Cigarre!

 

Ja, wie mach’ ich das nur?

Ganz banal könnte ich nun sagen, als Cigarrenfabrikant habe ich es gut. Lediglich ein kurzer Gang in den Tabakkeller und dort finde ich alles was ich brauche. Doch so einfach ist es nun auch wieder nicht. Zwar lacht mir das Herz, wenn ich sehe, welche Schätze dort zu finden sind und gern schwelge ich in der Erinnerung über diese oder jene Partie von Tabak, die ich bei meiner letzten Reise nach Brasilien erworben habe; aber eine Cigarre kann ich noch lange nicht daraus ” basteln”. Dazu muß ich wohl doch ein bisschen mehr erzählen. Bald werde ich nun 45 Jahre alt und seit vielen Jahren mache ich Cigarren und noch länger rauche ich sie. Dies geschieht in der Familie seit nunmehr fast 100 Jahren, denn seit mein Großvater um die Jahrhundertwende zusammen mit seinem Bruder im westfälischen Bünde eine Cigarrenfabrik gründete, besteht diese schöne Familientradition. Das Geheimnis einer guten Cigarre liegt in dem, was darin ist, damit meine ich die Melange der verschiedenen Tabaksorten, die man durch Mischung zu einer Harmonie im Geschmack bringt. Der Segen liegt daher im Einkauf. Sorgfältige Prüfung und Planung der Tabaksorten und Mengen, die man für die Herstellung verwenden möchte, ist oberstes Gebot, hier muß man wirklich ein Erbsenzähler sein, denn damit bestimmt sich das Schicksal. Inzwischen wissen wir alle, daß jede Tabakernte immer wieder neu und spannend ist und sich Tabake Jahr für Jahr durch die Witterungseinflüsse unterschiedlich entwickeln. Dies kennen wir z.B. vom Wein. Gern erinnere ich mich an die Zeit zurück, als mein Vater meinem Bruder und mir den Umgang mit Tabak nahebrachte. Schon zu den Kindertagen blieb die Berührung damit nicht aus; bei schlechtem Wetter konnte man herrlich zwischen den aufgestapelten Tabakballen und endlos vielen Säcken mit vorbereiteten Einlagetabaken, die in abgedunkelten Räumen bis zur Decke reichten, Verstecken spielen.

Später rauchte man natürlich heimlich seine erste Cigarre und es war einem speiübel zumute. Irgendwann war man aber soweit, daß man Cigarren wirklich mit Verstand probieren und schon Unterschiede in der Komposition wahrnehmen konnte. Die Zeremonie beim Einkauf hatte man auch schon beobachten können, wenn die Tabakverkäufer mit ihren Musterkartons, graue quadratische Pappkartons, vielleicht 5 cm dick und mit Ledergürteln zu Stapeln zusammengeschnürt, im väterlichen Büro auftauchten. Nun nahm man den Tabak schon mal selbst in die Hand, befühlte ihn und schnupperte daran. ” Achte darauf…, sieh genau her…, probier mal dies, ich habe Mustercigarren rollen lassen …, findest Du es scharf oder bitter…, schreib es auf, was Du denkst…” usw. Stück für Stück lernte man so, auf die speziellen Dinge zu achten und stellte fest, daß die Notizen zunehmend übereinstimmten. So wurden die einzelnen Sorten vertraut, bessere und schlechtere unterschieden, schließlich erprobte man die Wirkung einzelner Tabake in der Mischung, bis man schließlich in Anbauländer reiste, um vor Ort zu lernen. Eines Tages war man selbst in der Verantwortung, der Vater war nicht mehr da.  Erst da erfaßte man für sich, wie die Familientradition weitergegeben worden war, ein langer  Weg. Nun geht’s ans Werk. Ausgerüstet mit den Notizen und Erinnerungen an die Tabake, die man nun tatsächlich im Tabakkeller hat, läßt man erst einmal die vorhandenen und gebräuchlichen Mischungen Revue passieren. Die Frage ist natürlich, welchen Tabak wähle ich aus, um eine andere, neue und vielleicht bessere Komposition zu gestalten. Für die drei Teile der Cigarre, nämlich Einlage, Umblatt und Deckblatt muß jeweils für sich entschieden werden, welches Material Verwendung finden soll und es muß sich erweisen, wie die unterschiedlichen Tabaksorten als Ganzes miteinander harmonieren. Dabei gilt es besonders, die Anteile am Geschmack im Gesamteindruck einzuschätzen und danach die Auswahl zu treffen. Immer ist eine Cigarre mit einer Mischung verschiedener Komponenten hergestellt, so kann z. B. eine Sumatracigarre auch Havanna-, Domingo-, Brasil- und Javatabak enthalten, um die klassische Art der Mischung zu benennen.

Die Brasilernte im letzten Jahr war besonders gut, sie war geschmacklich sehr fein ausgeprägt etwas schmalzig und mit einer gewissen Süße, Mata Norte war sehr kräftig im Tenor und Cruz war so typisch wie selten in den letzten Jahren, Almeida war wunderbar blattig und gleichmäßig reif, mit ausgeprägter Süße usw.. Vor drei Jahren habe ich mir etwas Sumatra zurückgelegt, der als Deckblatt für mich nicht gut genug in der Farbe war, geschmacklich ordentlich und sicher ein hervorragendes Umblatt für den Traum einer Brasilcigarre. Das muß jetzt ersteinmal getestet werden, denn der Tabak ist sehr dünnblattig und es könnte sein, daß der Cigarrenwickel damit nicht genug Halt bekommt. Eine Probe wird vorsichtig gezogen und anschließend angefeuchtet, drei Tage später ist die Feuchtigkeit so gleichmäßig verteilt, daß mit den Proben begonnen werden kann. In der Zwischenzeit sind noch andere Tabake rekapituliert und die Mischungsverhältnisse in der jeweiligen Menge festgelegt. Über die Prüfung und Erinnerung hat man es in etwa im Griff, denn durch den Umgang mit vielen Ernten hat man schon eine recht sichere Einordnung, wie die einzelnen Tabake miteinander harmonieren und schätzt die Mengen. Eigentlich sollten die Tatsächlichen Proben nur noch bestätigen, was man sich schon im Geiste vorgestellt hat. Zur Sicherheit wird natürlich noch einmal mit den aktuellen Mischungsrezepten verglichen, es soll ja anders schmecken als sonst gewohnt. Feste Rezepturen gibt es bei einer wohlkomponierten Cigarre nicht, denn von Ernte zu Ernte muß man leicht variieren und damit den Veränderungen der Erntejahre Rechnung tragen. Daher sind die jeweils aktuellen Rezepte immer nur für gewisse Zeiträume gültig, letztlich solange, wie die Reichweite der Lagerbestände ist. Gespannt erwartet man nun die ersten Cigarrenwickel und prüft ob das Umblatt hält, was man davon erhofft. Die Wickel sind noch weich, denn die restliche Feuchtigkeit ist noch nicht abgetrocknet. Es scheint zu klappen aber vor der Überrollung trocknet der Wickel noch weiter ab und es kann geschehen, daß das Blatt dann zu brüchig wird. Von Hand überrolle ich mir nun die erste Cigarre, neugierig auf den geschmacklichen Charakter. Bei Brasilcigarren sagt man immer, sie schmecken am besten, wenn sie ganz frisch vom Rolltisch kommen, nach drei Tagen sind sie “krank” und nach 6 Wochen Lagerung sind sie wieder  bestens. Frische Cigarren schmecken immer etwas leichter, das liegt an der weit höheren Feuchtigkeit. Der Rhythmus für die Probierphase bestimmt sich daher nach dieser zeitlichen Faustregel.

Inzwischen kommt mein Bruder dazu und wir verkosten gemeinsam. Manöverkritik, vielleicht doch das sehr schöne Java Umblatt, welches zur besonderen Verwendung bereit liegt, weil es so sehr fein war, oder etwas weniger Havanna, denn obgleich frisch, schmeckt die Cigarre schon recht kräftig. Nun, wir werden sehen, jedenfalls wird eine Anzahl Wickel mit Sumatra - Umblatt und eine entsprechende Menge mit dem besagten Java - Umblatt gemacht. In zwei Tagen sollen diese dann überrollt werden. Nach zwei weiteren Tagen ist die Restfeuchte gleichmäßig in den Cigarren verteilt und sie werden in Cedernholzkistchen verpackt, denn lose Cigarren können nicht ordentlich reifen. Jetzt heißt es, sich in Geduld zu üben, nebenbei, dies ist eine wesentliche Tugend, die man im Umgang mit Tabak haben muß. Denken Sie nur an die langen Wachstums-, Ernte- und Reifezeiten beim Rohtabak und wie sich dies über jahrelange Lagerung und umsichtige Herstellung fortsetzt.  

Schon ist mehr als ein halbes Jahr vergangen. Als Umblatt wurde der Javatabak gewählt, wie schon befürchtet, war der Sumatra tatsächlich zu brüchig. Sumatra ist idR sehr dünnblattig, so daß er in abgetrocknetem Zustand sehr empfindlich gegen mechanische Einwirkungen ist. Beim Überrollen der Cigarre mit Deckblatt wirken natürlich Kräfte auf den Cigarrenwickel und dabei zeigte sich im konkreten Fall die fehlende Stabilität des zunächst vorgesehenen Umblattes. In der weiteren Ausarbeitung wurde die Mischung noch einmal verfeinert und ist nun als rundherum gelungen zu bezeichnen. Das Ergebnis ist eine ausgesprochen feine und recht würzige Brasilcigarre. Der Erfolg dieser ” Cigarrenbastelstunde ” ist so gut, daß diese so gefertigte Cigarre nunmehr unter dem Namen Regalia Fina auf den Markt gekommen ist. Inzwischen hat der beauftragte Graphiker das Packungsbild entworfen, Bauchbinden und Etiketten sind bei der Druckerei schon in Arbeit. Ein gutes Produkt mit Anspruch für sich soll schließlich auch schön, sachgerecht und ansprechend verpackt werden. Ergänzt wird die Serie durch zwei original Importcigarren, die in Brasilien als Longfillercigarren in sorgfältigster Handarbeit hergestellt werden. Damit stehen dem Liebhaber feinster Brasilcigarren 5 verschiedene Cigarrenformate zur Verfügung. Fast ein ganzes Jahr Entwicklungszeit ist schließlich vergangen, bis der eine oder andere geneigte Raucher diese Cigarre vielleicht in seinem Fachgeschäft entdecken kann und das gerade deshalb, weil viel Erfahrung dazu gehört, Cigarren zu machen.

Regalia Fina !

 

Ph. Schuster