Mitten im Wohngebiet von Deutschlands Zigarrenstadt Bünde, unweit der noblen Villen pensionierter Zigarrenkönige riecht die Luft noch nach Tabak. Die Firma August Schuster zählte einmal zu den ganz Großen, heute ist sie klein, aber fein und vor allem noch sehr aktiv.

Vor dem Krieg konnte man noch eine Menge Geld mit Zigarren verdienen. Wenn Philipp Schuster, Enkel des Gründers August mit seiner sonoren Bass-Stimme von den Geschäften seiner Vorfahren erzählt, glänzen seine Augen. "Der Tabak war kaum in unserer Fabrik eingetroffen und noch bei der Verarbeitung, da saß der Großvater schon auf der Kutsche und fuhr gen Osten." Denn dort lagen die wesentlichen Absatzmärkte für die Bünder Zigarrenindustrie, Deutschland war damals noch etwas größer und die unschönen Worte "Eiserner Vorhang" kannte auch noch niemand. Philipp führt heute gemeinsam mit seinem älteren Bruder Manfred und Mutter Magda Schuster einen der traditionsreichsten Zigarrenmanufakturen Deutschlands und wenn er sich so nostalgisch gibt, dann hat dies nichts mit unternehmerischer Lethargie zu tun. Vielmehr hatten er und sein Bruder in den 70er Jahren, als die meisten Bünder Betriebe bereits ihre Tore geschlossen hatten und Vater Dr. jur. Hans Schuster den Betrieb mit seiner Pensionierung ebenfalls schließen wollte, den Mut, das elterliche Erbe fortzusetzen. Die Brüder Schuster, der gelernte Pädagoge Manfred und der studierte Jurist Philipp, waren aber infiziert von dem "braunen Gold" Tabak und riskierten den Schritt in eine durchaus ungewisse Zukunft. Bünde nannte sich zwar noch "Zigarrenstadt Deutschlands", aber vom ehemaligen Ruhm alter Traditionsfirmen berichtete in den meisten Fällen nur noch das ortsansässige Museum.

Eine gemütliche westfälische Kleinstadt mit 45.000 Einwohnern, die frühabends ihre Bürgersteige hochklappt und deren Ausfahrtstraßen zu den Großstädten Bielefeld und Hannover das Spannendste für die Dorfjugend darstellen dürften. Das ist Bünde heute, um die Jahrhundertwende galt es aber als einer der reichsten Städte Deutschlands, auf die 4800 Einwohner kamen immerhin zwölf Millionäre. Die Tabakindustrien Bremens, Hamburgs und Lübecks hatten sich nämlich im letzten Jahrhundert weniger für das karge Nachtleben Bündes, wohl aber für die billigen Arbeitskräfte der Provinz interessiert. Am 27. September 1909, vor nunmehr 90 Jahren, trug Großvater August im Zuge dieses Zigarrenauftriebs seine Firma in das Handelsregister ein, nachdem er bereits mit seinem Bruder Erfahrungen in der Zigarrenherstellung gesammelt hatte (die getrennte Firma Gebr. Schuster existierte bis 1956). Kessing und Thiele, Koch & Söhne, Heinrich Hurlbrink und Arnold André hießen vor 50 und 60 Jahren die großen Firmen in Bünde und auch August Schuster mit seinen damals 1000 (!) Mitarbeitern gehörte dazu. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen die statistischen Zahlen den Höhepunkt an, in Bünde und den kleinen Gemeinden der Umgebung gab es 245 Hersteller mit insgesamt mehr als 10.000 Arbeitern. In einigen kleinen Dörfern zählte man mehr tabakverarbeitende Betriebe als Häuser. Die 50er Jahre aber brachten die Krise. Die ehemals 8,5 Mrd. Zigarren, die zu Hochzeiten in ganz Deutschland produziert worden waren, hatten sich auf 5,6 Mrd. Stück reduziert. "Die Gründe hierfür waren vielfältig", erinnert sich Philipp Schuster an die Erzählungen seines Vaters. "Wegfall der riesigen Märkte im Osten, Aufhebung des Maschinenverbotes, Liquidationshilfe des Staates und natürlich die Entschädigungszahlungen für ehemals jüdische Firmen." Nehmen wir die Liquidationshilfe und ihre Folgen zu Hand, sprechen die Zahlen in der Tat für sich. Der Staat bot branchenübergreifend be-achtliche Abfindungen an, die vielen kränkelnden Unternehmen die Schlies-sung ermöglichte. So verringerte sich zwischen 1955 und 1957 die Zahl der zigarrenproduzierenden Fabriken in Bünde um 56 Prozent. August Schuster zählte danach zwar noch zu den sechs ganz großen Produzenten mit einer jährlichen Produktion von je bis zu 65 Millionen Zigarren. Die vielen, vielen kleinen Betriebe schlossen aber ihre Tore. Und dann kamen als Konkurrenz mit Macht die in Masse und per Maschine hergestellten preiswerten Zigarren. Die Nazis hatten in den 30er Jahren das Maschinenverbot erlassen, um inländische Arbeitsplätze zu sichern. Als 1956 das Verbot fiel, standen die kleinen Betriebe im harten Wettbewerb zu den Großen, die sich die Anschaffung der Maschinen leisten konnten. Und selbst, wenn sie sich die Maschinen hätten leisten können - der Markt war schließlich geschrumpft und der Output großer Maschinen wäre kaum absetzbar gewesen. "In den 60er Jahren kamen die Markennamen auf, welche wir von der Zigarette bereits kannten" erzählt Philipp Schuster zwischen zwei Zügen an seiner geliebten Lepanto. "Dies erschwerte uns natürlich erneut das Leben." Diese Produkte hatten zwar einen HTL-Decker im Gegensatz zu den 100 Prozent-Zigarren der Firma Schuster, wurden aber vom Konsumenten akzeptiert. Vater Hans hatte nie von seinen Qualitätsvorstellungen abweichen wollen und somit keine Zigarren mit homogenisiertem Deckblatt hergestellt. Lieber wollte er mit seinem Ruhestand die Firma aufgeben, denn die zwei Söhne hatten mit ihrem Studium für ihre Zukunft vorgesorgt. Heute beschäftigt August Schuster 45 Mitarbeiter und produziert jährlich sechs Millionen Zigarren. Manfred ist rückblickend zufrieden mit seiner Entscheidung, in den 70er Jahren nach dem Pädagogik-Studium die Unternehmensgeschicke zu übernommen zu haben. Nach dem Abi 1973 hatte Philipp sein Studium als Reisender in Sachen Schuster-Zigarren durch das ganze Bundesgebiet finanziert und dabei festgestellt, daß bei Händlern und Konsumenten der Trend zur deutschen, ursprünglichen Zigarre mit 100 Prozent Tabak unverkennbar war. Es gelang der Firma aus der Not eine Tugend zu machen, und das kann man wohl auch noch heute als ein Erfolgsrezept der Firma bezeichnen. Man war und ist zwar klein, damit aber auch viel flexibler im Umgang mit dem Markt. Schuster reagierte mit speziellen Formaten, wie beispielsweise Spitz-Façons, für welche die großen Hersteller entweder keine Maschinen hatten oder sich um so geringe Mengen gar nicht kümmern wollten. Oder Schuster bot den Händlern Hausmarken an, die er in dieser Tabakmischung exklusiv für ein einzelnen Händler komponierte. Der Vater ließ sich anstecken von dem Elan der Söhne und auch die Händler forcierten die Produkte, weil sie ihre Qualität, aber auch das für die Branche ungewöhnliche Engagement junger Leute honorierten. Philipp Schuster kann sich heute darüber freuen, daß sein Vater bis zu seinem Tod 1983 den Aufschwung der Firma noch miterleben konnte.

Aus dem Juristen Philipp und dem Pädagogen Manfred sind rückblickend betrachtet glänzende Tabakkenner, aber auch Universalisten geworden. Große Unternehmen leisten sich einen Vorstand, eine Marketing- und Presseabteilung, einen Tabakeinkauf, diverse Meister zum Mischen der Tabake und eine Verwaltung. Bei den Schusters läuft dies unter der tatkräftigen Mitarbeit der rüstigen Mutter, die sich noch immer um die leidigen Zollangelegenheiten kümmert und meistens auch an der Strippe ist, wenn man anruft, ganz anders. Alle müssen mit anpacken und das geht natürlich nur mit Begeisterung und Tabakliebe und nicht mit Angestelltenmentalität. Philipp ist der Reisende in Sachen Tabak, immer auf der Suche nach guten Tabakpartien, präsent auf der Bremer Tabakbörse, Globetrotter in der Karibik und Brasilien beim Einkauf von Importzigarren und dies alles mit der Einstellung eines Perfektionisten. Ob es die "kleine" Brahms-Zigarre anläßlich des 100. Todestages des begeisterten Zigarrenrauchers und Komponisten ist, die er für den Hamburger Arbeitskreis "Michels Freunde" 1997 komponierte, oder die Neuaufnahme eines karibischen Longfillers in sein Import-Programm. Die Zigarren werden immer wieder Probe geraucht und kritisiert und dabei auch bei den Herstellern in der Karibik Einfluß ausgeübt. Als P&C bei den Schusters zu Besuch war, hatte er nach mehr als einem Jahr "nachgebesserte" Zigarren eines Herstellers aus Nicaragua erhalten. Beim ersten Mal hatte er noch die Tabakmischung vor Ort mit gestaltet, das Ergebnis befriedigte ihn nach Bünde zurückgekehrt aber doch nicht so ganz. Das Churchill-Format, das er uns nun anbot, traf schon mehr auf seine Zustimmung. Zum einen interessiert ein Puro aus Nicaragua per se - auch das Deckblatt ist dort gezüchtet. Zum zweiten begeisterte die Ästhetik, ein mittelbrauner, öliger gleichmäßiger Decker mit rötlichen Einschlägen, der so manche Havanna in den Schatten stellt. Glänzendes Zugverhalten und ein würziger Geschmack mit Aromafülle, der auch bei der zweiten Hälfte der Zigarre nicht unangenehm wurde. "Da sollte man eigentlich zuschlagen", ruft Philipp Schuster begeistert aus und erwägt nun die Aufnahme des Longfillers in sein kleines Importprogramm.

Mit der gleichen Begeisterung wie im Falle der Longfiller stürzt sich Philipp auch auf seine brasilianischen und Sumatra-Lieblinge. Lepanto und c.Mendoza, die es in beiden Geschmacksrichtungen gibt, sprechen hierfür genauso wie sein neues Pferd im Stall, die Regalia Fina. Ursprünglich gehörte diese Marke der Firma Suerdieck, bekannt für ihre in Brasilien gefertigten Zigarren, und die Zigarren waren in einer anderen Tabakmischung früher im Vertrieb von Schuster. Nachdem Suerdieck in gravierende wirtschaftliche Probleme geriet, konnte sich Schuster die Markenrechte sichern und mit einem Produzenten vor Ort seinen Traum einer "echten" Brasil verwirklichen. Nach einigem Tüfteln und Ausprobieren von Tabakmischungen sagt Philipp heute nicht ohne Stolz, daß die besten Brasil-Tabake verwendet werden und etwas ganz Besonderes entstanden ist. Den Shortfiller produziert er selber nach alten Rezeptanteilen, 70 Prozent Brasil, 30 Prozent Kuba, statt des früher üblichen Sumatra-Umblatts muß Schuster aus Preisgründen zu einem Java greifen. Und dann der Longfiller, einer der wenigen weltweit erhältlichen Brasil-Puros mit einer faszinierenden Kombination zwischen aromenreicher Würze und Brasil-Süße. "Die Brasil nimmt ebenso wie die Havanna eine besondere Stellung innerhalb der Zigarrenwelt ein. Nur dort kann man echte Puros herstellen", erläutert Brasil-Fan Schuster, der mit seiner Zigarre auch schon Erfolge auf Kuba feierte. Als sein Sohn Hans-Martin im Frühjahr auf Kuba ein Praktikum absolvierte, hatte er natürlich einige Kisten dabei und wahrlich wurde ihm die Regalia von den Kubanern aus den Händen gerissen. Zum Zeitpunkt unseres Interviews wartete Philipp Schuster übrigens gerade auf zwei besondere kleine Partien Havanna-Tabak. "Ich habe ihn vor ein paar Monaten vor Ort persönlich getestet und war ganz begeistert. Er hat eine spezielle Süße, wie ich sie bei den normalerweise in Europa gekauften Havanna-Tabaken seit vielen Jahren nicht mehr gefunden habe. Sie müssen sich das vorstellen wie das Zusammenspiel verschiedener Zutaten eines Kuchens. Dieser besondere Havanna-Tabak wird die Mischung unserer Shortfiller verfeinern."

Kuba ist nicht das einzige Land, das Schuster regelmäßig bereist, jedes Jahr ist er in Übersee und versucht dabei, wenigstens alle zwei Jahre abwechselnd Nicaragua, Honduras, Brasilien, die Dominikanische Republik oder eben Kuba zu besuchen. Neue Kontakte knüpfen, die bestehenden pflegen und nicht selten mit den Tabakpflanzern vor Ort neue Zigarrenmischungen nach seinen Vorstellungen mischen. Ein wenig Tabak hiervon, ein wenig davon, Umblatt, Deckblatt und dann hoffentlich der ungetrübte Genuß einer frisch gerollten Zigarre. Klar, daß sie nicht nur wegen des feucht-warmen Klimas in der Karibik oder in Brasilien anders schmeckt als in Deutschland. "Meine Brasils, die ich mir von zu Hause mitnehme, schmecken drüben ganz anders. Süffiger und süßlicher als im trocken-kühlen Deutschland", berichtet Schuster. Hierfür muß er natürlich in der Lage sein, von der frisch gerollten Zigarre auf das Endprodukt, das in "Serie" geht und nach einer sorgfältigen Lagerung und dem Transport nach Deutschland anders schmecken wird, schließen zu können. "Negative Charakteristika wie beispielsweise ein metallischer Unterton", erklärt Schuster, "verlieren die Zigarren auch nach einem Reifungsvorgang nicht." Eine jahrelange Erfahrung als Grundvoraussetzung verschweigt er bescheiden.

Nach diesem Besuch in Deutschlands Zigarrenstadt Bünde fuhr P&C mit dem guten Gefühl nach Hause, daß die gute, alte Handwerkskunst des Zigarrenmachens in Deutschland noch nicht ganz ausgestorben ist-

Frank Hidien

 

Dank an Pipe & Cigar für den Text (P&C 4-99)